Nach Nelson Mandelas Tod: Die Angst vor Operation Uhuru

Der Tod Madibas kam wenig überraschend. Bereits im November berichteten wir von Gerüchten, dass Nelson Mandela nach einem totalen Organversagen bereits seit Juni hirntot sei und nie wieder aufwachen werde. Am vergangenen Dienstag wurden die Beatmungsmaschinen abgeschaltet und sein Tod offiziell verkündet. Er sei friedlich eingeschlafen, berichtet seine Familie. Am Sonntag wird er in seinem Geburtstort Qunu nach alter Xhosa-Tradition beerdigt. Dann kann er endlich in Frieden ruhen. Doch was bleibt? Werden die Südafrikaner Kraft aus seinem Lebenswerk schöpfen und sein humanitäres Erbe in seinem Sinn weiterführen oder droht sogar ein Bürgerkrieg?

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Nelson Mandela stand für Werte wie Freiheit, Gleichheit und Versöhnung zwischen den Rassen. Er trat ein für ein friedliches Miteinander, eine geeinte Regenbogennation, in der jeder Freiheit genießt und die gleichen Rechte und Privilegien hat. Noch ist Südafrika bei diesem Idealziel aber nicht angekommen. Zwar hat das Land nach dem Ende der Apartheid schon viel erreicht, doch noch heute herrscht ein großes soziale Gefälle zwischen Weiß und Schwarz, Probleme wie Armut, Kriminalität, AIDS, Korruption und Rassismus sind allgegenwärtig. Aus diesem Grund glauben einige Südafrikaner daran, dass nach Madibas Beerdigung die Stimmung kippen könnte. Sie befürchten eine „Nacht der langen Messer“, die sich in einem Massenmord an weißen europäischstämmigen Südafrikanern äußern wird, quasi ein Rachefeldzug gegen die Herrscher und Privilegierten des Apartheidsregimes.

Dr. Gregory Stanton, Chef von „Genocide Watch“ ist ein Mann, der selbst gegen das Apartheidsregime kämpfte. Bereits letztes Jahr warnte er davor, dass in Südafrika ein Völkermord immer wahrscheinlicher werde. Das Land befinde sich auf Stufe 6 von 8 möglichen Stufen zum Genozid, der Planungs- und Vorbereitungsphase:

Kill the Boer – Tötet den Buren!

Nachdem die Nachricht von Mandelas Tod letzte Woche die Runde machte, erschienen auf dutzenden, meist konservativen afrikaanssprachigen Webseiten Warnungen vor bevorstehenden Morden und Körperverletzungen an Weißen in Südafrika. Mit Sorge hätte man beobachtet, wie in den sozialen Medien immer wieder zum Mord an der weißen Minderheit aufgerufen werde, die ca. 9 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmacht. Zudem sollen in einigen Gebieten des Landes alte Kampfeslieder aus der Apartheidszeit gesungen worden sein, die nicht nur die Befreiung der Schwarzen Bevölkerung fordern, sondern auch den Massenmord an den Weißen.

Schon Julius Malema, der damalige Chef der ANC-Jugendliga, war 2012 in die Schlagzeilen gekommen, nachdem er bei öffentlichen Auftritten wiederholt das Lied „Kill the Boer“ (Tötet den Farmer) anstimmte. Während viele die Lieder als Überbleibsel des Widerstands abtun, warnen andere davor, dass derartige Rhetorik schnell in tatsächliche Gewalttaten umschlagen könnte.

Auch angesehene Medien wie der britische Guardian berichten über die Ängste einiger Afrikaaner nach dem Tod des Freiheitskämpfers Nelson Mandela, beschreiben die „Nacht der langen Messer“ jedoch als „urbane Legende“, deren Eintreten zwar nicht auszuschließen, aber doch sehr unwahrscheinlich sei.

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In dem Artikel kommt auch die Vorschullehrerin Madeleine Prollus zu Wort, die zugibt, große Angst zu haben: „Mandela sagte immer, er würde so etwas nicht dulden, doch nun ist er tot…“

Dabei sind die Weißen sind nicht die Einzigen, die ihre Sorgen äußern. Die 28-Jährige Sharon Qubeka, Sekretärin des Tembisa Townships, sagte gegenüber Reuters: „Ich befürchte, dass Südafrika noch rassistischer wird. Die Leute werden sich voneinander abwenden und Ausländer aus dem Land jagen.“ Mandela sei der Einzige gewesen, der das Land zusammengehalten hätte.

Operation Uhuru – Freiheit für Afrika

In diesem Zusammenhang wird auch immer wieder von „Operation Uhuru“ gesprochen, die der 1926 verstorbene Bure und „Seher van Rensburg“ für die Zeit nach dem Tode „eines großen Mannes“ prophezeit hat. Uhuru bedeutet auf Swahili so viel wie Freiheit und spielt auf die Befreiung der schwarzen Bevölkerung an. Einige Radikale sind der Ansicht, dass die Vormachtstellung der Weißen nur bekämpft werden könne, in dem die Rasse der weißen Unterdrücker selbst bekämpft werde. Der Unterdrücker habe ein Gesicht und dieses sei weiß. Deshalb müsse dieses weiße Gesicht ausgelöscht werden, um dem Leiden der schwarzen Bevölkerung ein Ende zu setzen und die Schwarzen an die Macht zu bringen. So wurde es am 5. Dezember nach Bekanntwerden von Mandelas Ableben auf diversen Facebook Seiten publiziert.

So mancher der an die Prophezeiung van Rensburgs glaubt, soll sich bereits mit Waffen und Munition versorgt, die Nahrungsmittelvorräte aufgestockt und einen Fluchtplan für den Ernstfall ausgearbeitet haben, um sich auf die Operation Uhuru vorzubereiten.

Ich selbst glaube allerdings nicht an eine Nacht der langen Messer und halte die Ängste und Warnungen für übertrieben. Gestern noch war ich im Kapstädter Green Point Stadion um mit tausenden anderen Südafrikanern Nelson Mandela zu gedenken. Schwarz, Coloured wie Weiß haben zusammen das Leben von Tata Madiba gefeiert. Auch auf den Straßen spüre ich keinen aufsteigenden Groll und Wut gegen die Weißen, sondern habe eher das Gefühl, dass der Tod von Südafrikas Nationalikone die Menschen eher eint, als spaltet.

Zum Glück sind jene, die zu Gewalttaten gegen europäischstämmige Südafrikaner aufrufen genauso wie die erzkonzervativen Extremisten, die sich die Apartheid zurückwünschen, eine Minderheit. Ich bin zuversichtlich, dass der Großteil der Südafrikaner die Errungenschaften der jungen Republik Südafrika zu schätzen weiß. Auch wenn es noch ein langer, steiniger Weg ist und das Land weiterhin vor großen Problemen steht, so wünsche ich mir, dass die Menschen und der regierende ANC (die sich ja immer wieder gerne als die Mandela-Partei bezeichnet) sich an die Werte und Ideale des großen Madiba erinnern und sie selbst leben, anstatt sie nur zu predigen bzw. vorzuheucheln.

Bild: Marcelo Braga (CC BY 2.0)

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